Was man von einem Motorrad alles lernen kann

Leben, wie man Motorrad fährt – das hat definitiv was.

Wer Motorradfahrerinnen und -fahrer kennt oder gar selbst so ein Teil bewegt, der weiß um die Faszination, die davon aus- beziehungsweise damit einhergeht. Bevor ich selber fuhr habe ich das nie verstanden. So langsam aber kommt es bei mir an.

Aber was ist diese Faszination, was macht sie aus? Brechen Menschen, die Motorrad fahren wieder wie zu Easy-Rider-Zeiten aus Zwängen aus? Ist Motorradfahren Widerstand gegen den politischen Zeitgeist, wie der Marktforscher Werner Hagstotz meint? Eine ‚Ente‘ zu fahren war in meiner Jugend fast so etwas wie ein politisches Statement, ein klares Signal, anders leben zu wollen. Da steckte der Traum von Freiheit, von Ungezwungenheit, von Eigenständigkeit drin. Einfach anders sein als die Masse. Eine stille Revolution gegen das Establishment, eine Weigerung, ‚so zu sein wie alle anderen auch‘.

Enten fuhr ich, Easy-Rider war einer meiner Lieblingsfilme. Lange Haare, logisch. Doch es ist wie beim Motorradfahren. Das ist ja definitiv eine meditative Angelegenheit, etwas, wobei man ganz bei sich ist. Dazu später mehr. Doch kaum sind die Motoren aus, holt die Menschen das konventionelle Leben wieder ein. Sie kriegen irgendwie nicht die Kurve. Ich habe im Leben die Kurve auch nicht hinbekommen, kehrte still und leise wieder an meinen Platz in der konventionellen Gesellschaft zurück. Eigentlich ohne Grund. Ich hatte dieses Gefühl, diese Sehnsucht nach Freiheit und mir selbst nicht auf den Boden der Wirklichkeit bekommen. Wie in Aldous Huxley´s ‚Schöne neue Welt‘.

Hand aufs Herz: Ist die ‚normale‘ Welt denn viel anders als Huxley´s Welt? Funktionieren wir nicht genauso, die meisten mehr oder weniger, bis auf ganz wenige Ausnahmen? Erst später, als ich mich von meinem Job verabschiedet hatte, nicht freiwillig, aber Gott sei Dank, seit ich nicht mehr in diesem Wirtschaftsprozess drin bin, fing ich an zu begreifen, dass ich damals als junger Mensch genau auf dem richtigen Weg war. Raus aus den Konventionen! Die spannende Frage aber ist: Was hatte ich nur damals übersehen? Oder nicht wahrgenommen?

Gründe habe ich viele gefunden, doch das waren letztlich immer nur bessere Ausreden. Der eigentliche Grund, warum ich wieder ein- oder abgetaucht bin in die Welt des Gewöhnlichen ist die Tatsache, dass ich nicht aus meiner Gefühlswelt herauskam. Und das bedingte, dass ich in meinem Traum von Freiheit und mir selbst hängen blieb. Es blieb ein Traum, weil ich den Dingen nicht auf den Grund ging, die Zusammenhänge nicht ausreichend erforschte, sie nicht ausreichend untersuchte.

Es ist nämlich ein fataler Irrglaube, zu glauben, man wüsste, was Sache ist, was richtig ist und was nicht. Manches lernt man intuitiv, manches aber eben nicht. Und da hilft es, sich doch einmal mit der Theorie zu befassen. Um sie dann wieder zu vergessen. Im normalen Leben ist das aber leider viel schwieriger als beim Motorradfahren. Da sieht man eben nicht so ohne weiteres, was alles möglich wäre. Wir leben üblicherweise wie ein Motorradfahrer, der mit 40 km/h durch die Landschaft rollert und ganz langsam um die Kurven fährt. Und so, wie es mir in meinem Alter ungemein geholfen hat, mich mit der Theorie des Motorradfahrens zu beschäftigen, ein bisschen Physik zu betreiben, genauso ist es im normalen leben.

Nur darf man da nicht bei der mechanischen Physik Isaac Newtons stehen bleiben. Die genügt für das Motorradfahren. Nicht aber für das normale Leben. Und sie genügt definitiv auch nicht, um sich selbst zu verstehen. Da müssen wir dann schon eine Stufe höher oder weiter gehen und uns ein wenig mit Quantenphysik beziehungsweise -philosophie beschäftigen. Das Schwierige dabei ist wohl für die meisten Menschen, dass sich das unserer Vorstellung vollkommen entzieht. Mit Gefühlen und Empfindungen kommen wir da nicht weit. Sondern nur mit Denken.

Aber es lohnt sich wirklich, sich darauf einzulassen. Wie gesagt, das Motorradfahren bewegt sich noch auf einer eindeutigen, weil mechanischen Ebene. Das Leben hingegen bewegt sich auf einer Quantenebene. Hier gelten ganz andere Regeln. Was in der mechanistischen Sichtweise ein Dilemma ist, ist da ein Tetralemma. Und das ist schon der einzige Unterschied. Das weitergehende Prinzip ist das selbe.

Erst kommt die Theorie, aber dann muss man sich darin versenken. letztlich Denken durch Nicht-Denken eben. Aber erst das eine, dann das andere. Meditation läuft ja auf ähnliche Weise ab. Erst beruhigt man sich einmal und schaut, dass die Affenhorde nicht allzu wild im Oberstübchen herumtobt. Dann konzentriert oder fokussiert man sich, man stellt sich auf das Thema ein, zentriert sich. Danach kontempliert man darüber, man betrachtet einen Ausschnitt, um sich danach meditativ darin zu versenken, heißt ‚korrekt zu messen‘.

Um zur Erkenntnis zu gelangen, müssen wir uns auf einen Mittelpunkt zentrieren, einen Ausschnitt betrachten und dann korrekt Messen. Meditation bedeutet nämlich etwas zu bedenken. Dabei aber bitte wirklich mucksmäuschenstill sein. Beim Motorradfahren hieße das zu fahren. Es ist diese Versenkung, auf die es auch ankommt. Aber die kommt erst zum Schluss. Nachdem man weiß, worum es geht.