Mein ‚Ich‘ – Ein Begräbnis erster Klasse

Nur wie beerdigt man etwas, das es nie wirklich gab?

Es fängt damit an, dass ich all die Tierchen, die definitiv nicht ‚Ich‘ sind, mal aus meinem Körper hinauskomplimentiere. Ich will ja wissen, was dann noch wirklich übrig bleibt, was ich ‚Ich‘ nennen kann. Die Frage ist nur, wenn die alle raus sind, bin ich dann überhaupt noch lebensfähig? Und wenn ich dann auch noch das ganze Wasser aus meinem Körper wegschütte, ‚Ich‘ hat ja nichts mit Wasser zu tun, ja, dann ist Schluss mit ‚Ich‘.

So bekomme ich das Problem mit meinem ‚Ich‘ nicht in den Griff. Also fangen wir mit dem an, der hier das sagen hat. Gestern Abend wollte ich noch ein Glas Wein trinken (das dritte) und ich sagte mir, nein, lass das, du hast schon zwei, es langt. Kurze Zeit danach saß ich wieder in meinem Sessel – vor mir das dritte Glas Wein.

Manchmal merke ich regelrecht, wie es in mir kämpft. Gute Absicht gegen schlechte Gewohnheit. Meist gewinnt dann die schlechte Gewohnheit. Die gute Absicht hat nur dann eine Chance, wenn ich mir das vorher lange genug eingeredet und dafür gesorgt habe als Looser dazustehen, wenn ich dann doch wieder rückfällig werde. Das hilft, das mag ich nämlich nicht. Aber so wirklich dauerhaft helfen tut es nicht.

Nur, wo habe ich das her, dass ich das nicht mag? Und warum habe ich mich gerade entschieden, diesen Text zu schreiben? Keine Ahnung. Habe ich überhaupt irgend eine Kontrolle über mich? Also wenn ich mich so beobachte, dann würde ich eher sagen ‚Bedaure, aber die hast du nicht!‘

Und das meine ich wirklich ernst. Dass es allen so zu gehen scheint sieht man an all den Rauchern, die wissen, dass Rauchen ungesund ist. Oder den Übergewichtigen, denen der Arzt ständig sagt, sie sollen abnehmen. Das machen sie aber meist erst dann, wenn sie wirklich glauben, dass es jetzt ernst wird. Also mit dem freien Willen ist das definitiv so eine Sache. Jedenfalls kann man sich nicht auf ihn verlassen.

Aber diese Ich-Illusion einfach so zu Grabe zu tragen fällt mir richtig schwer. Denn damit steht die Frage im Raum, ob ich so eine Art Zombie bin. Was tue ich dann eigentlich? Wer entscheidet dann, was ich mache? Also, solange mir das niemand beantwortet, solange bleibe ich dabei: Es gibt dieses ‚Ich‘! Ein Freund von mir hat eine interessante Alternative. Er bemüht die Astrologie. Dann sagt er zwar nicht, was er wäre, aber immerhin die Astrologie definiert oder bestimmt, was er da tut. Und so ist er auf der sicheren Seite und läuft nicht Gefahr, ins Bodenlose zu stürzen.

Nicht zu wissen, warum wir tun, was wir tun. Eine panikmachende Vorstellung. Keine Kontrolle über sich selbst haben. Und erst recht nicht über andere. Da brechen Weltbilder zusammen. Aber irgendwie ist das blöd. Wenn es dieses ‚Ich‘ nicht gibt, dann macht es ja keinen Sinn so zu tun, als gäbe es dieses ‚Ich‘. Und wenn es dieses ‚Ich‘ gibt, dann gibt es das, auch wenn ich glaube, es gäbe es nicht. Ziemlich vertrackte Angelegenheit.

Also einfach weitermachen wie bisher? Das halte ich nicht für zielführend. Wenn ich nämlich glaube, ich hätte das sagen, habe es aber nicht, dann würde ich viel unnötige Energie mit sinnlosen Diskussionen mit mir selbst verschwenden – siehe die Sache mit dem Wein. Umgekehrt, hätte ich das sagen und würde es einfach so laufen lassen wie es gerade läuft, dann wäre das auch nicht so wirklich prickelnd.

Also ob ‚An‘ oder ‚Aus‘ – das funktioniert beides nicht so richtig. Aber solange, wie ich keine Antwort auf die Frage ‚Was statt dessen?‘ habe, trage ich das ‚Ich‘ nicht freiwillig zu Grabe. Solange reite ich das Pferd eben noch, auch wenn es tot ist. Machen wir ja gerne, tote Pferde reiten. Aber das machen wir nur so lange, bis wir eine wirkliche und von uns akzeptierte Alternative haben. Oder wir haben das Ganze so richtig an die Wand gefahren, so das es zu offensichtlich geworden ist, dass es nicht mehr funktioniert und alles verleugnen nicht mehr hilft.

Aber ich glaube, es gibt etwas Drittes, etwas ganz anderes. Sozusagen ein versöhnendes Prinzip. Ich nenne es Bewusstheit. Mir einmal einer Sache bewusst zu sein, das hilft jedoch nicht viel, man muss Bewusstheit trainieren wie einen Muskel. Und aufpassen, dass sie nicht unter all dem Alltagskram verschwindet. Genau deswegen ist weniger definitiv mehr! Seit ich mich kleidungstechnisch mit weniger begnüge, wird mir vieles bewusster. Es ist einfach keine Ablenkung mehr da. Bin ich mir etwas bewusst, ändert das zwar meist nichts unmittelbar. Aber irgendwie doch. Nehme ich etwa bewusst wahr, wie ich gerade sitze, setze ich mich automatisch (!) besser hin.

Dass das wirklich funktioniert, das weiß ich vom Motorradfahren. Für mich ist das ja noch recht neu. Sicher ist, je bewusster ich fahre, desto besser fahre ich. Das Wissen um die Technik des Fahrens macht den Unterschied nicht aus, auch wenn die unverzichtbar ist. Aber erst in und durch die Bewusstheit wird sie anwendbar. Sonst bleibt es reine Theorie.

Das Witzige dabei ist, dass je bewusster ich bin, so in eine Art geistiger Gespanntheit und Konzentration, desto weniger ist da ein ‚Ich‘. Ich glaube mittlerweile wirklich, dass Bewusstheit die Beerdigung des ‚Ich‘ ist. Nicht von jetzt auf gleich. Und wenn ich mal wieder automatisch reagiere, ohne mir dessen bewusst zu sein, was ich da gerade tue – schwupp, ist es wieder da. Was nicht bedeutet, dass ich gleichermaßen willentlich handeln würde, wenn ich bewusst handle.

Sobald aber die Bewusstheit nachlässt, etwa wenn ich schon länger unterwegs bin, was ja beim Fahren immer wieder passiert, ob mit dem Auto oder dem Motorrad, dann fahre ich nicht mehr bewusst, sondern nur noch mehr oder weniger routiniert. Aber ob ich dann noch gut fahre, das wage ich dann doch entschieden zu bezweifeln. Routine ist ein tückischer Gegenspieler der Bewusstheit. Ich glaube, sie ist mit dem ‚Ich‘ verwandt. Und die Routine lauert überall – nicht nur beim Fahren!

Bewusstheit ist der Tod des ‚Ich‘, dieser Illusion eines aus sich selbst heraus existierenden Selbst. Aber ich muss permanent auf der Hut sein, dass es nicht wieder aufersteht. Also bleibt nur Bewusstheit als Dauerzustand.