Mama, Papa, ihre Geschichte und ich

Bin ich oder ereigne ich mich? Und was hat das mit mir zu tun?

Natürlich ereigne ich mich, ist ja logisch. Ich bin ja keine einmalige, unveränderlich definierte Persönlichkeit, sozusagen in Stein gemeißelt, sondern ich ereigne mich, reagiere auf all das, was in meinem Leben passiert, interpretiere es, nehme es wahr, manchmal richtig, manchmal falsch, aber immer richte ich mich danach aus und fließe damit. Aber wie ich fließe, ob als kleines, bewegliches Boot, als großer, kaum zu steuernder Tanker, als U-Boot oder gar als Fels in der Brandung, das liegt an mir selbst. Das entscheide ich ganz alleine.

Und dabei spielt die Vergangenheit, wo ich herkomme, die Geschichte meiner Vorfahren, all das, was sie ihre Überzeugungen hat bilden lassen – und damit letztlich auch meine, denn ob es mir gefallen hat oder nicht, was und wie sie dachten, ich habe mich in meiner Entwicklung in dem Spannungsfeld von Trotz und Treue danach ausgerichtet, all das spielt eine wichtige und entscheidende Rolle, wie ich mich im Fluss des Lebens bewege. Nur gehe ich davon aus, dass ich, ähnlich wie Schillers Glocke, bin, wie ich eben bin, dann wird es schwer, mich aus den Fängen der Vergangenheit zu lösen und zu befreien.

Wir wissen ja heute, dass die Geschichte unserer Eltern, vor allem Traumata, aber natürlich auch das Angenehme, an ihre Kinder weitergegeben wird. Manchmal in Form von Genen, manchmal als die Zellen steuernde und weitergegebene Informationen. Epigenetik sagen wir dazu. Wir sind nun wirklich nicht in Stein gehauen, da werden Gene an- und abgeschaltet, nicht nach Belieben, sondern aufgrund unserer inneren Entscheidungen. Leider sind die uns kaum bewusst. Also bewusst sowieso nicht, aber wir könnten darum wissen. Aber das lässt sich ändern. Nur man muss auch bereit sein anzunehmen, was sich da zeigen kann.

Da stellt sich dann gleich die Frage, wer oder wie ich denn bin, wenn meine Eltern nicht die edlen und guten Menschen waren, die ich mir erhofft habe. Obwohl, eigentlich habe ich ja schon erwartet, dass sie edel und gut sind, denn dann wäre ich es ja auch. Aber, stellt sich das als fraglich heraus, das mit dem edel und gut, dann scheint es oft leichter, einen klaren Schnitt zu machen, sich zu sagen, ich mach mein Ding alleine, gehe einen ganz anderen, eigenen Weg und merkt dabei nicht, dass man doch ihre Geschichte als Markierungspunkte der eigenen Entwicklung, an denen man sich ausgerichtet hat, im Rucksack immer dabei hat und mitschleppt.

Ich glaube Bert Hellinger war es, der einmal gesagt hat, wir haben keine Eltern, wir sind unsere Eltern. Und das ist genau so – bis wir es annehmen, es akzeptieren und uns auf den Weg machen, uns daraus zu lösen. Aber dieses Sich-daraus-Lösen, das ist nicht einfach, solange man die Zusammenhänge nicht klar erkennt. Solange bleiben wir in unserer Geschichte gefangen. Die Geschichte unserer Eltern, die ist ja zu unserer eigenen geworden. Wir haben sie, als autopoietische Wesen, zu unserer eigenen gemacht. Und genau das ist der Schlüssel zur Freiheit, der Schlüssel zu sich selbst: Erkennen, dass man für das, was man ist, die eigene Verantwortung hatte und hat, auch wenn einem das logischerweise nicht bewusst war. Doch wenn ich diese Verantwortung wirklich annehme, aufhöre, mich als Opfer zu sehen sondern eben als das, was ich bin, nämlich Täter meiner eigenen Geschichte, dann gibt mir dies eine ungeheure Gestaltungsmöglichkeit.

Unschuldig schuldig werden. Wieder so ein Satz von Hellingen. Aber genau das trifft es. Unschuldig bin ich geworden, wie ich bin. Doch das Erwachsenwerden zeichnet sich dadurch aus, dass ich mich nicht mehr verstecken kann. Und so werde ich schuldig, schuldig die oder der zu sein, die oder der ich bin. Nicht, wie ich geworden bin, aber wie ich jetzt bin. Das ist meine ureigene Verantwortung. Aber das zu sehen bedeutet auch, den Schleier des Wegschauens von den Eltern und sich selbst (!) zu nehmen. Es fällt uns ja so schwer, die Geschichte der Eltern anzunehmen, wenn sie eben wenig rühmlich oder gar, wenn sie ein Traumata mit umfasst, weil sie ja zur eigenen Geschichte geworden ist.

Sich aus der Vergangenheit zu lösen heißt also Selbsterkenntnis, sich selbst einzugestehen, wie man ist. Denn nur dann ist man in der Lage, sich aus dieser Geschichte wirklich zu lösen. Man muss sie als eigene Geschichte annehmen. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass das so bleiben muss. Aber erst einmal ist es so. Der erste Schritt zur Lösung ist also, dass man sich in eine Geschichte verfangen hat, die die eigene ist, aber nur, weil man noch nicht erwachsen geworden ist. Erwachsen zu sein bedeutet nämlich nichts anderes, als die Welt der Eltern zu verlassen und eigene Wege zu gehen, eigenständig zu werden. Doch damit ist weniger die physische Welt als die psychische Welt gemeint.

Heute wissen wir dank der Erkenntnisse der Biologen rund um die Epigenetik, dass das schwieriger ist, als wir gemeinhin denken. Haben wir die Pubertät hinter uns gelassen, haben wir Mama, Papa und ihre Geschichte noch immer im Gepäck. Und wissen es nicht. Und das bleibt uns auch so lange, bis wir uns bewusst daraus verabschieden. Da hatten es die Indianerkinder und Kinder aus Stammeskulturen vielleicht besser. Die hatten ein Ritual, mit dem sie ganz bewusst aus der Welt der Eltern in die eigene Welt entlassen wurden. Eine solche Initiationskultur im Hinblick auf die Lösung aus der geistigen Welt der Eltern aber fehlt uns in unserer modernen Welt vollkommen.

Aber diese Lösung setzt voraus, dass man überhaupt weiß, woraus man sich lösen soll oder will. Weiß ich nicht, dass sich die Geschichte der Eltern in der eigenen Geschichte widerspiegelt, dann kann ich mich daraus auch nicht lösen.  Und weiß ich nichts von der Geschichte, dann kann ich mich wieder nicht daraus lösen. Obwohl das nicht ganz stimmt. Wenn ich erkenne, wie ich bin, dann kann ich mich daraus auch lösen. Nur das ist schwieriger, als wir gemeinhin denken. Zum einen, weil wir uns den Eltern auf vielfältige Weise verpflichtet fühlen und weil wir die Familie nicht verraten wollen und zum anderen, weil wir uns so, wie wir eben sind, uns meist für ‚richtig‘ halten.

Wir sind ‚halt‘ so, wie wir sind. Und selten sagt uns einmal ein freundlicher Mensch, dass wir ziemlich einen an der Waffel haben. Und auch die Gesellschaft ist meist so organisiert, dass wir das selten merken. Was ja logisch ist, denn unsere Eltern lebten ja nicht fern aller Zivilisation, sondern waren Teil eben dieser Gesellschaft. Bei vielen Dingen, Kriegen und nationalen Konflikten, aber auch bei wirtschaftlichen ‚Notwendigkeiten‘, wird dann der Mantel des Schweigens und des Vergessens über einem kollektiven Trauma ausgebreitet. Wobei das nicht heißt, dass das richtig und systemimmanent wäre; denn es ist immer der Einzelne, der etwas tut oder eben nicht tut.

Doch wie kommt ein Mensch dazu, sein Leben zu ändern? Vergangenheit und Geschichte sind ja nur die Auslöser, entscheidend ist, eine andere Art zu leben zu wissen, die ich stattdessen leben will. Stehe ich vor der Alternative krank oder gesund, ist der Weg klar ersichtlich. Doch bin ich gesund und verhalte mich gesellschaftlich konform, dann wird es schon schwieriger, eine Lebensform zu finden, wie ich ‚stattdessen‘ leben kann und will. Ich persönlich habe das erst erkannt, als ich beruflich den Boden unter den Füßen verloren hatte, als ich komplett gescheitert war. Erst das ermöglichte mir zu sehen, dass ich auch anders sein konnte. Ich hatte nämlich das Pech, in meinem Beruf gut zu sein. Wie auch mein Bruder!

Wir hatten mit der Familiengeschichte genau die Verhaltensstrukturen von den Eltern übernommen, die uns zwar erfolgreich, aber nicht glücklich werden ließen. Wie unsere Eltern. Erfolgreich, aber nicht glücklich. Wir hatten alle auf eine unmenschliche Ideologie gesetzt. Das war es, was uns verband. Und diese falsche Ideologie mit unserer Lebenskraft verbunden machte uns erfolgreich, aber eben nicht glücklich. Dazu ein Text von Albrecht Mahr, den er mir nach einer Aufstellung geschickt hat:

Die Kraft, derer sich der Nationalsozialismus bemächtigt hat – oder besser: das versucht hat – ist vergleichbar mit der Atomkraft, die unvorstellbar destruktiv sein kann, und sehr nützlich. Im Nationalsozialismus waren die Bereitschaft des Dienens, des Verzichts auf persönliche Vorteile, die große Entschlossenheit etc. aufgerufen – alles gute Dinge – , und sie waren in den Dienst einer vernichtenden rassischen Ideologie gestellt, die von Abermillionen mitgetragen wurde.

Die destruktive Ideologie und die von ihr missbrauchten Kräfte sind aber nicht das Gleiche, und wir sind da zur Klarheit der Unterscheidung aufgefordert. Das heißt, wir müssen uns der mächtigen Kräfte z.B. unbedingter Entschlossenheit und der Willenskraft, für die Wahrheit einzutreten, bewusst werden und lernen, sie für die Ziele einzusetzen, die allen Menschen dienen und niemanden ausschließen.

Die Verquickung von Macht und Ideologie hat in Deutschland eine ‚pazifistische Versuchung‘ nach sich gezogen, d.h. Aggression in jeder Form zu vermeiden, weil sie mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Diese Art der Friedfertigkeit führt zu Kraftlosigkeit – wir werden dann ‚wie gekochtes Gemüse‘, hat mal jemand gesagt.

Es hilft also nichts, wir müssen uns mit all diesen Seelenkräften vertraut machen, gerade auch mit den aggressiven und mit denen, die die Keime zu Gewalttätigkeit enthalten und die nun mal zu unserer Grundausstattung gehören. Das lässt uns am Ende friedfertiger und zugleich kraftvoller werden – wir brauchen beides.

Aber das Wichtigste war, jedenfalls für mich, dass ich erkannte, wie ich war. Das erst ermöglichte mir, anders zu sein. Das und vielleicht die Tatsache, dass ich mich betreffende Dinge nicht allzu persönlich nahm. Ich hatte nämlich mit der Zeit gelernt, dass es da keine Persönlichkeit gibt, die angegriffen werden könnte, wenn jemand etwas Negatives über mich sagt. Je mehr Persönlichkeit es gibt, die man verteidigen zu müssen glaubt, desto weniger ist man bereit, genau diese Persönlichkeit aufzugeben. Und genau darum geht es doch!

All das brauche ich und wie schon gesagt, eine klare Alternative. Will ich anders sein, muss ich eben anders sein. Das heißt, ich muss auch bereit sein, mein alltägliches Leben komplett neu zu gestalten und zu organisieren. Eben anders. Dass uns das so schwer fällt, hat indirekt vielleicht mit der fehlenden Initiation zu tun hat. Die Stammeskulturen, die solche Rituale kennen, also die sogenannten primitiven (!!) Völker, die folgen ja alle kosmischen Gesetzen, so wie sie in der Lage sind oder waren, diese zu erkennen. Jedenfalls folgen sie nicht ihren persönlichen, egozentrischen Gesetzen.