Kontrolle durch Nicht-Kontrolle

Wir haben eindeutig eine unzulängliche Sprache. Das macht Kommunikation nicht einfach.

Ich hatte gerade ein sehr interessantes Gespräch über Kontrolle. Haben wir die Kontrolle über etwas, beispielsweise das Denken, oder haben wir sie nicht? Oder über uns? Dabei kam mir mein gestriger Motorradausflug in den Sinn. Noch bin ich ja ein Übender (und werde es wohl auch bleiben). Es ist wirklich paradox:

Je mehr ich meinen Fahrstil kontrollieren will, also je besser ich fahren will, desto mehr muss ich die Kontrolle aufgeben. Vorausgesetzt natürlich, ich habe vorher die Theorie begriffen. Natürlich kann ich auch durch Erfahrung lernen, besser zu fahren, aber das dauert. Mit theoretischem Wissen und einer Portion Verständnis für physikalische Größen geht es leichter. Also durch einen Hinweis und Anstoß von außen. Den muss ich natürlich begreifen, also theoretisch verifizieren und dann auch anwenden, heißt praktizieren.

Wenn ich meinen Fahrstil kontrollieren will, und das will ich ja, wer fliegt schon gerne vom Motorrad, dann gebe ich die Kontrolle an mich ab, also an mein inneres Wesen. Ich schalte in einen meditativen Modus um, überlege nicht mehr, wie ich fahren muss, sondern lasse mich (!!) fahren. Und je besser ich meine Finger dabei herausnehmen kann, je weniger ich Emotionen die Kontrolle überlasse, desto kontrollierter fahre ich auch. Kommt mir an einer engen Stelle ein Laster entgegen und ich habe die Emotionen nicht im Griff, sondern lasse sie einfach laufen, dann schaue ich wie gebannt den Laster an und werde ihn leider auch treffen, wenn ich nicht vorher rechtzeitig eine Vollbremsung hinbekomme.

Blickführung nennt man das. Man fährt exakt dorthin, wo man hinschaut. Also starre ich nicht gebannt auf den Laster, sondern schaue auf meinen Weg. Was eine gehörige Portion an Aufmerksamkeit, Selbstbeherrschung und Konzentration verlangt, den Laster zwar wahrzunehmen und zu registrieren, dass er meine Fahrbahn einengt, aber eben nicht fokussiert auf ihn zu schauen, sondern auf den Weg, den ich fahren kann. Und will.

Wenn ich so fahren kann, also möglichst Kommentar- und Egofrei mit der korrekten Ausrichtung, dann ist aber immer noch etwas da, etwas, das nicht kontrolliert und doch kontrolliert. Ich würde es Bewusstheit nennen. Ich bin mir meiner selbst bewusst, dabei aber mucksmäuschenstill.

Der Schlüssel zur Kontrolle durch Nicht-Kontrolle ist Bewusstheit. Bin ich mir bei dem, was ich tue, ob ich meditiere, denke, spreche oder Motorrad fahre, mir meiner selbst nicht bewusst, handle ich also automatisch, dann folge ich meinen inneren Mustern. Und das kann unter Umständen ein fatales Ergebnis nach sich ziehen. Wobei das nicht bedeutet, dass wir, handeln wir nicht bewusst, keinem inneren Plan, keinem Weg folgen würden. Aber das ist ein anderes Thema.

Ob ich die Kontrolle habe, zumindest indirekt oder eben nicht, das hat für mich auch noch eine andere Bedeutung. Wir Menschen sind zwar wie alles andere auch Natur, aber durch die Dichotomie des Menschen aus der natürlichen Ordnung herausgefallen. Gehe ich nun davon aus, dass ich keine Kontrolle über etwas habe, beispielsweise mein Denken, dann habe ich ja eigentlich auch keine Verantwortung dafür. Wenn ich mir aber sage, dass ich die Kontrolle darüber habe, dann übernehme ich damit auch die Verantwortung für das, was ich tue. Also schalte ich meine Bewusstheit ein.

Kontrolle durch Nicht-Kontrolle. Ich finde, das hat was. Aber diese Nicht-Kontrolle braucht eine Ausrichtung, sonst lande ich mit meinem Denken irgendwo, wahrscheinlich da, wo ich nicht hinwill. Ein Beispiel: Ich hatte lange Zeit ein und den selben Alptraum. Bis ich den Auslöser fand und mich gedanklich davon löste. Seither ist der Alptraum verschwunden. Meine Gedanken kommen mir nicht wahllos in den Sinn, sie kreisen um das, was mich gerade innerlich bewegt. Sie machen also definitiv Sinn. Etwas ganz anderes ist, ob ich mir dessen auch bewusst bin. Je bewusster ich mir meiner selbst bin, desto klarer kann ich sehen, was mich bewegt. Und ich muss dem ganzen eine Ausrichtung geben; wie beim Motorradfahren muss ich wissen, was ich tun muss, damit ich da hinkomme, wo ich hinwill. Es geht also darum, das Prinzip zu verstehen und mich daran zu halten und nicht etwa das Tun direkt kontrollieren zu wollen.

Aber, wie gesagt, in dieser wirklich paradoxen Welt stoßen wir mit unserer gewohnten Sprache unweigerlich an Grenzen. Wie hat es doch Niels Bohr einmal formuliert: Es ist wie beim Spülen. Mit einem gebrauchten Geschirrtuch und schmutzigem Wasser bekommen wir trotzdem sauberes Geschirr hin. Und das habe ich gerade bei diesen Überlegungen gemerkt. Man darf nicht an Begriffen kleben.