Grenzen sind da, weil wir Grenzen sehen

Meine, deine unsere Grenzen.

Erst einmal muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Grenzen, die wir Menschen zwischen Lebewesen sehen, stimmen können – oder auch nicht. Dass wir Grenzen ‚sehen‘, heißt ja nicht, dass sie auch tatsächlich da wären. Am offensichtlichsten ist es bei Landesgrenzen wie auch bei Eigentumsgrenzen. Diese Grenzen setzen voraus, dass man Eigentum kennt und auch respektiert. Was beispielsweise die Ureinwohner Feuerlands nicht taten, als sie das erste Mal auf Fremde trafen, was sie schnell zu Dieben werden ließ – im Denken der Engländer. Und mein einjähriger Enkel Paul kennt die auch nicht, wenn er meine Bücher in die Finger bekommt. Solche Grenzen sind nicht einfach da, so wie geologische, die auch Paul erkennen würde, nein, man muss eine Vereinbarung darüber getroffen haben.

So langsam beginnen wir ja zu begreifen – nicht zu verstehen -, denn es ist eigentlich offensichtlich, so langsam sehen wir also ein, dass wir Menschen nicht wirklich aus uns selbst heraus existieren. Und das auch noch nie konnten – wie auch? Ich habe mich schon lange gefragt, wo ich eigentlich aufhöre. Gehört der Regenwald jetzt zu meinem Lungensystem oder nicht? Oder atme ich nur den Sauerstoff bundesrepublikanischer Wälder ein? Wir behandeln Dinge, die wir ganz selbstverständlich zum Leben brauchen, als wären sie von uns unabhängige Sachen. Doch die Wirklichkeit ist eine völlig andere: Wir behandeln uns als davon unabhängige Wesen. Was wir aber definitiv nicht sind. Vielleicht müssten wir einfach nur einmal die Perspektive wechseln um zu begreifen, wie die Wirklichkeit wirklich ist?

Als die Quantenphysiker erkannten, dass die Welt ganz anders ist, als die meisten Menschen glaubten und viele, sehr viele, leider immer noch glauben, was passierte da eigentlich wirklich? Nichts! Die Welt drehte weiterhin ihre Bahnen. Nur Einstein und seine Kollegen, jedenfalls manche von ihnen, hatten ein Problem mit sich selbst, genauer mit ihrem Weltbild. Das stellte sich nämlich schlicht und einfach als unzulänglich heraus. Und mit ihrem Weltbild wie mit der dieses tragende Philosophie, wie sie sich also die Welt erklärten, damit ging dummerweise auch ihr Selbstbild in die Brüche. Das war die Kröte, die sie erst einmal schlucken mussten. Wer gibt schon gerne sein Selbstbild auf? Vielleicht hat das Ganze aber eine ganz banale Erklärung: Suchten auch sie möglicherweise danach, die Welt erklären zu können, statt sie ‚nur‘ beschreiben zu wollen? Ich glaube Niels Bohr war es, der einmal sagte, dass wir die Welt nicht erklären, sondern nur beschreiben können. Und vielleicht würde genau diese andere Sichtweise uns die Angst vor dem Unbekannten nehmen. Wer weiß?

Und diese andere Sichtweise ist vielleicht der Schlüssel den wir brauchen, um ‚unsere‘ Grenzen als das zu sehen, was sie sind: Die Grenzen unserer Bewusstheit. Ich frage mich nämlich gerade, wie die Zellen meines Körpers sich organisieren. Wie entstehen so banale Botschaften wie ‚Hunger‘ oder ‚Durst‘ in meinem System? Wie gelangen sie in mein Bewusstsein? Eine wichtige Frage, denn damit könnte ich definitiv besser verstehen, wie ‚meine‘ innere Kommunikation funktioniert. Das Hunger- oder Durstgefühl, das ich manchmal verspüre, ist ja nichts anderes als eine Form der Kommunikation, nur verbuche ich das meist unter ‚Gefühl‘ oder ‚Empfindung‘. Leider fälschlicherweise. Würde ich das konsequent als ‚Kommunikation‘ sehen, bekäme ich möglicherweise einen besseren Zugang zu mir selbst. Eigentlich bin ich mir dessen sicher, nur mir fehlt noch die entsprechende Erfahrung.

Wie kommunizieren also die Zellen meines Körpers miteinander? Nur über meinen Bildschirm namens ‚Bewusstsein‘? Sicherlich nicht nur, denn wenn sich ständig in meinem Bewusstsein abspielen würde, was mein Darm gerade so macht, ich käme ja zu nichts anderem mehr. Wäre ein klarer Fall von kommunikativem Overload. Viel zu viel Informationen. Also kommt nur das ‚durch‘ was aktuell relevant ist. Aber stimmt das wirklich? Kommt wirklich immer alles Relevante durch? Wenn ich mich an meine Nieren-OP erinnere, dann sage ich klar ‚Nein‘! Obwohl das zu Beginn keine körperlichen Infos waren, sondern eher geistig-mentale. Nur die hatte ich nicht wahrgenommen. Ich hatte einfach etwas Wesentliches in meinem Leben verdrängt, es einfach nicht sehen wollen. Obwohl das nicht einfach war, das nicht zu sehen, sondern eher verdammt kompliziert. Das denkt man aber erst hinterher, wie bescheuert man war und wie einfach es ist, es aufzulösen, wenn man endlich bereit ist zu sehen, was ist.

Es geht also um Bereitschaft. Da fallen mir ein Haufen Beispiele aus meinem Leben ein, wo ich erst einmal nicht bereit war, das im Nachhinein Offensichtliche zu sehen. Etwa, dass meine Eltern nicht so waren, was ich wollte, dass sie es wären. Eigentlich zieht sich das durch mein ganzes Leben, dass Dinge, vor allem auch Menschen, nicht so waren, wie ich sie gerne gehabt hätte. Tja, immer dieser Ärger mit der Erwartungshaltung. Warum aber fiel es mir dann so schwer, das Offensichtliche zu sehen? Ganz einfach, weil ich immer versuchte, das Runde in das Eckige zu bekommen. Heißt, ich wollte immer die Wirklichkeit, die ich eigentlich hätte wahrnehmen können, mit meinem Selbstbild in Übereinstimmung zu bekommen. Also erst ich, dann der Rest. Hat aber nicht funktioniert und wird es auch nie tun.

Was also tun? Ganz einfach. Das eigene Selbstbild einfach einmal in Frage stellen beziehungsweise die ‚Passung‘ mit der Wirklichkeit. Gehe ich davon aus, dass ich die Welt objektiv sehen kann, habe ich nämlich schon verloren. Und auch wenn ich davon ausgehe, dass ich die Welt subjektiv sehe, habe ich vielleicht ein besseres Blatt, werde am Ende aber doch verlieren. ‚Gewinnen‘ kann ich nämlich nur wenn ich wirklich begreife, dass ich nur sehen kann, was ich denke. Heißt also, ich bin irgendwie farbenblind. Obwohl, ob es nur die Farben betrifft? Sehe ich dann überhaupt etwas richtig? Kann ich das denn, wenn ich die falsche Richtung eingeschlagen habe? Kann ich wohl nicht, oder?

Wenn ich hingegen mich und alle Menschen, wenn ich die ganze Welt als ein Lebewesen verstehe, dann passt auf einmal das Runde in das Runde. Aber das ist erst einmal nur ein Verstehen, das Begreifen kommt danach. Man muss dem Gehirn Zeit geben, sich neu zu organisieren. Aber gibt es dann keine Grenzen mehr? Doch, die gibt es. Aber nur gedachte! Ich werde mir von einem anderen nämlich nicht auf den Kopf hauen lassen, wenn ich es verhindern kann. Aber ob ich ihm dann auch auf den Kopf haue, das wäre ich wohl eher nicht tun. Hoffe ich, ich bin ja nicht in der Situation. Erst wenn man konkret damit konfrontiert wird, zeigt sich, welche Haltung man hat und nicht nur glaubt, dass man sie hätte.

Und ständig zu denken, was andere Menschen so denken, dass stelle ich mir verdammt nervig vor. Aber man sollte sich darüber klar sein, dass es geht! Und vor allem wissen, wann man es einsetzen soll. Man braucht übrigens keine Angst haben, dass man damit andere manipulieren könnte. Dieses Wissens ist etwas ganz anderes, als intellektuelles Wissen. Es ist ein intuitives Wissen, ein Gewahrsein. Denn tatsächlich sind wir schon immer gewahr, vielleicht nicht was andere Menschen denken, aber sicher sind wir gewahr, dass sie gerade etwas wie bewegt. Nur es ist uns normalerweise nicht bewusst! Und wenn man einmal wahrnimmt, was in anderen vorgeht, dann manipuliert man sie auch nicht, denn das geht nur, wenn man sich und den anderen als eins ansieht. Obwohl, ich will jetzt nicht weiter vertiefen, ob man sich selbst nicht auch manchmal manipuliert.

Aber wie gesagt, ständig wahrnehmen, was in anderen vorgeht, das funktioniert nicht. Es gibt zwar Menschen, die das können, sich davor aber nicht schützen können: Autisten. Doch das Krankheitsbild, wenn man von einem sprechen will, ist genau umgekehrt: Die anderen Menschen, die ‚Normalen‘, sind ihnen wohl einfach zu viel. Und darum schotten sie sich ab. Und wahrscheinlich ist es wirklich so, dass es eher die Normalen sind, die therapeutischen Gesprächsbedarf hätten. Vielleicht würde das die Autisten heilen.

Langer Rede kurzer Sinn: Wir sollten einmal ernsthaft über ‚Grenzen‘ nachdenken. Denn letztlich sind das nur Grenzen unseres Bewusstseins.