Ein Leben ohne Bauplan. Nur ein paar Prinzipien. Theoretisch.

Je weniger Bauplan, desto freier sind wir.

Als ich so 14, 15 Jahre alt war, gab es Fischertechnik-Metallbaukästen. Die gibt es zwar noch heute, aber ganz anders. Damals war es ein Haufen langer und kurzer Metallstäbe, eine Menge Schrauben und Muttern, ein paar Stangen und verschiedene Zahnräder und auch Räder. Das war, jedenfalls in meiner Erinnerung, so ziemlich alles.

Und ob Zufall oder Versehen, meine Eltern gaben mir den Kasten ohne irgendwelche Baupläne und Anleitungen. Was blieb mir also anderes übrig, als meine Phantasie und Kreativität einzusetzen? Ich baute die verrücktesten Dinge. Nur waren die meinen Eltern, Pragmatiker eben, nie konkret und lebensnah genug. ‚Junge, sei realistisch‘, war ihr Standardkommentar. Nicht sehr motivierend! Also verlegte ich mich lieber auf Stofftiere, da konnte ich meine Phantasie besser ausleben, weil es keiner sehen und bewerten konnte. Das Konstruieren mit Baukästen überließ ich ganz meinem Bruder, der wurde ja auch Maschinenbau-Ingenieur.

Warum ich später den vollkommen pragmatischen und phantasiefreien Beruf des Rechtsanwalts erlernte? Zufall oder Fügung? Absolut keine Ahnung. Jedenfalls konnte ich durch diesen Beruf meinen Hang zum logischen Denken und Argumentieren richtig ordentlich ausbauen. Ich glaube, da konnte mir keiner so schnell das Wasser abgraben. Damit kann ich heute noch andere zur Verzweiflung bringen, mit der einfachen, schlichten Frage, ob das denn logisch wäre, was sie da so behaupten. Und damit lernte ich die mechanische Welt des Denkens perfekt kennen. Nur hatte ich vorher auch 6 Semester Physik studiert. Und das kam dann später wieder zum Vorschein, das Interesse an dem, was die Welt ausmacht.

In meinem Beruf als Rechtsanwalt kam ich nämlich an meine Verständnis-Grenzen. Ich begriff, dass Lisa Minelli eben doch nicht Recht hat, wenn sie in dem Musical Cabaret behautet, das Geld die Welt bewegt. Es war zwar nur ein Musical, aber alle Welt tat so, als stimme das. Daran kamen mir nämlich so richtige Zweifel. Was war es aber dann? Was bewegte die Welt im Innersten? Ich suchte mein Heil (denn darum ging es mir ja eigentlich erst einmal) in allen möglichen Theorien und gedanklichen Konzepten. Bis ich langsam begriff, dass da nichts war, was ich finden konnte. Je mehr ich suchte, desto wenig schien da zu sein. Und genau das brachte mich letztlich wieder in Kontakt mit der Physik, genauer der Quantenphysik. Ich erkannte nämlich, dass das, was ich in der Gedankenwelt des Zen wie in der Philosophia perennis gefunden hatte letztlich dem Denken der Quantenphysik entsprach. Doch da war auch noch das andere, die unbestreitbar erfahrbare Mechanik. Und die war genau entgegengesetzt.

Ich fing mehr und mehr an zu begreifen, dass das Leben in Wirklichkeit so eine Art Tetralemma ist und man absolut nicht weiterkommt, wenn man nur in der einen Ecke stehen bleibt. Mit anderen Worten: Zen oder Mystik und das ganz normale Leben – absolut kein Widerspruch. Es ist nur nicht so einfach, es zu verstehen, wir haben dafür noch kein allgemein gültiges, also kein allgemein akzeptiertes Weltbild und Weltverständnis. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass mein Leben keinen Bauplan hat. Nur ein paar Prinzipien folgt. Und was ich daraus mache, das liegt allein an mir. Aber das kann ich natürlich nicht alleine, sondern nur mit allen zusammen. Eine Welt der Musketiere: Alle für einen, einer für alle. Aber ohne Bauplan, ohne Anleitung. Nur ein paar Prinzipien. Und das zusammengefasst in einer Haltung. Mehr sind wir, wenn Sie so wollen, eben nicht. Also sollten wir einmal damit anfangen, die Baupläne wegzuwerfen. Aber vorher sollten wir die richtige Haltung eingenommen haben.

Ich bin eine Haltung. Wenn das mal keine Freiheit ist! Und was für ein Auftrag!