Bewusstheit ist der einzige Weg zu sich selbst

Obwohl auch das ein Paradox ist, schließlich bin ich ja ‚bei mir‘.

Im Laufe meines Lebens habe ich viele Erklärungen dafür gesucht, warum ich war, wie ich war. Wobei, wenn ich ehrlich bin, dann hoffte ich immer, etwas zu sein, was ich gerne gewesen wäre, aber eben dummerweise nicht war. Nur mir das einzugestehen war irgendwie ziemlich schwierig.

Also versuchte ich etwas zu sein beziehungsweise zu werden, was ich ja aber überhaupt nicht war. Dumm gelaufen, könnte man da sagen. Naja, einen Nutzen hatten die Persönlichkeitstrainings und Ausbildungen schon. Ich erkannte nämlich, dass sie nicht wirklich funktionierten. Ich verhielt mich zwar anders, aber ‚echt‘ war das definitiv nicht. Nur die Maske, die ich da überzog, schien mir besser zu sein. Attraktiver, nützlicher.

So hangelte ich mich von Scheitern zu Scheitern weiter. Und mit jedem Scheitern begriff ich ein weiteres Stück mehr, was ich nicht war. Dieses Spiel spielte ich so lange, bis ich irgendwann erkannte, dass dieses wiederholte Scheitern, also das Erkennen, dass ich das, was ich gerne wäre, eben nicht war, genau das war, was mich weiterbrachte.

Bis ich schließlich an dem Punkt ankam, an dem ich mich fragte, wie ich bin – und nicht was ich gerne wäre. Da fing es dann erst einmal richtig an mit dem Scheitern, das ganze Konstrukt von dem, was ich glaubte oder hoffte zu sein, stürzte mit lautem Getöse ein. Aber nicht wie ein Gewitter, das donnert und blitzt und dann scheint wieder die Sonne. Nein, es war eher so ein langsamer Zusammenbruch mit verdammt viel Staub und Dreck. Und es dauerte, bis endlich die Sonne mal wieder durch den Dunst durchschien.

Und was blieb übrig? Ich, so wie ich war. Ohne Maske, zumindest vor mir selbst. Mich auch den anderen ohne Maske zu zeigen, da bin ich teilweise noch drüber. Gestern sah ich einen Film an, Birnenkuchen mit Lavendel. Fasziniert hat mich die Beschreibung des Protagonisten: ‚Er ist ehrlich, zuverlässig, treu und will niemandem was Böses. Ja, er ist wirklich etwas Besonderes.‘ Im Grunde ein Film über unsere Gesellschaft und unsere Träume. Ist es wirklich etwas Besonderes, ehrlich zu sein? Ist es wirklich normal, dem anderen nicht mit der Wahrheit zu begegnen?

Aber man darf bei solchen Gedanken nicht die Anderen anschauen, nein, man muss sich selbst anschauen. Wir merken gar nicht mehr, dass wir nicht nur den anderen nicht ehrlich begegnen, nein, wir begegnen uns selbst nicht ehrlich. Wir haben uns so sehr an unsere flexible Darstellung der Wirklichkeit gewöhnt, dass wir das überhaupt nicht mehr merken – es ist uns zur zweiten Natur geworden. Wenn man das einmal erkennt, dann ist das ein gewaltiges Scheitern. Ein Scheitern der Selbstlüge. Aber was kann man sich mehr wünschen?

Die Frage ist natürlich, wie man da hinkommt. Und das ist wieder ein Scheitern, jedenfalls fühlt es sich so an. Man muss nämlich nichts tun, sondern etwas lassen. Das Etwas-sein-Wollen komplett aufgeben. Statt dessen einfach nur sich seiner selbst bewusst sein. Und nichts Anderes.