Authentizität fängt bei sich selbst an

Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann es auch mit anderen sein.

Das ist eigentlich relativ logisch. Die Frage ist nur, ob wir überhaupt wissen können, wann wir mit uns selbst  im Reinen sind. Sicherlich genügt es nicht, jedenfalls ist das meine Ansicht, dass wir uns im Reinen fühlen

Gefühle sind ja so eine Sache. Wir empfinden sie immer als absolut richtig und angemessen. Ob das aber auch der Situation entspricht, die uns im Außen begegnet, das ist eine wichtige Frage. Gefühle sind kein Indikator über die Passung inneren Erlebens und äußerer Realität. Wobei ich bitte, es einmal so differenzieren zu dürfen.

Aber worauf können wir uns dann bei der Beurteilung verlassen, ob wir mit uns selbst im Reinen sind? Es geht also um Beurteilung. Das ist etwa so wie ständig auf einem Präsentierteller zu sitzen und beäugt zu werden. Wirklich keine angenehme Vorstellung.

Aber wie wollen wir uns selbst beurteilen? Das ist ja so, als sollten wir uns bei einer Examensprüfung selbst auf Herz und Nieren testen, ob wir auch wirklich eine eins verdient haben oder nicht. Wir können uns selbst nicht beurteilen. Nicht ohne eine äußeren Maßstab. Den haben wir aber nicht.

Also brauchen wir etwas, das uns die Notwendigkeit der Beurteilung abnimmt. Und was könnte das anderes als ein Prinzip sein? Oder auch mehrere! Aber nicht zu viele, sonst verliert man leicht den Überblick. Doch wie findet man solche Prinzipien? Warten, bis sie um die Ecke kommen? Oder doch lieber selbst definieren – und nicht etwa finden!

Schon darin steckt ein wichtiges Prinzip drin: Wenn du es nicht machst, wer sonst soll es tun? Wir machen uns auf diese Weise zu dem, der tut – statt zu einem Abhängigen, der auf irgend etwas oder irgend jemanden wartet. Aber das darf keine trotzige Reaktion sein, sondern Folge der Einsicht in wissenschaftlich fundiertes Wissen. Es ist einfach eine ganz logische Konsequenz, die wir etwa aus dem radikalen Konstruktivismus ziehen oder erkennen können.

Damit übernehmen wir die Verantwortung dafür, was in uns passiert. Und zwar absolut. Nicht weil es uns gefällt, sondern weil es der Wirklichkeit entspricht. Man muss eine Weile darüber nachdenken, bis man es verinnerlicht hat. Heißt, bis man die entsprechenden neuronalen Verknüpfungen gebildet habt. Das ist nämlich das Selbe. Muss man wissen.

Eric Bernes Skript-Theorie fällt mir noch ein. Und Spiral-Dynamics. Das Ken-Wilber-Quadranten-System. Translation versus Transformation. Und noch zwei, drei andere. Und dann daraus universelle Prinzipien ableiten. Die zugrundeliegenden gedanklichen Konzepte kann man vermitteln. Aber jeder muss für sich die daraus resultierenden Prinzipien selbst erkennen.

Und vor allem, er oder sie muss sie auch verinnerlichen, also in das eigene Denksystem integrieren, was vielen nicht bewusst ist. Siehe oben. Und das kostet Anstrengung und auch anfangs eine gewisse Selbstüberwindung. Einfach, weil das neuronale Netz noch nicht entsprechend ausgebildet ist. Wir sind nun mal ähnlich wie ein PC gestrickt.

Aber, und das ist das Wesentliche, wir sind dem nicht ausgeliefert. Wir sind auch die Progammierer. Wenn wir es wollen und auch konsequent dran bleiben. Und nicht unseren Gefühlen Erliegen. So kommen wir mit uns ins Reine. Das wir dann überhaupt mit der Welt im Reinen sind, das folgt dann von alleine. Aber umgekehrt funktioniert es garantiert nicht.

Fangen wir also bei uns selbst an. Eigenständigkeit ist der Schlüssel zur Authentizität.